Laudatio für Liz Frank und Elizabeth Khaxas (von Lutz van Dijk) (2016)

Sehr geehrter Herr Buergermeister Griesert !

Lieber Marc Langer und alle aus Deinem Team von Gay in May ! Lieber Hans Hengelein aus dem Sozialministerium in Hannover !

Liebe Uta Schwenke und lieber Benjamin Rottmann aus dem Landesvorstand des Lesben und Schwulen Verbands in Deutschland (LSVD), die Ihr zuerst die wunderbare Idee zur Nominierung der heutigen beiden Preistraegerinnen hattet !

Liebe Gaeste, liebe Freundinnen und Freunde – liebe Mitmenschen !

Aber vor allem:

Liebe Preistraegerin des Rosa Courage Preises 2016, die Du rund 8.000 Kilometer aus Nambia zu uns gekommen bist –

und auch wenn Elizabeth nun doch nicht mit dabei ist, begruesse und rede ich zu Euch beiden (Elizabeth wird uns im Geiste hoeren !):

Herzlich willkommen, liebe Liz Frank und Elizabeth Khaxas !

Wo beginnen ?

Vielleicht da, wo wir uns zuerst begegneten: Vor 19 Jahren war das. Im Mai 1997 besuchte ich zum ersten Mal das erst wenige Jahre zuvor unabhaengig gewordene Namibia und folgte damit einer offiziellen Einladung, da ein Buch von mir den Jugendliteraturpreis von Namibia gewonnen hatte. Bedauerlicherweise hatte der damalige Staatspraesident von Namibia, Sam Nujoma, seinem Freund, dem Praesidenten von Simbabwe bis heute, Robert Mugabe, kurz vorher zugestimmt, dass [Zitat:] „Homosexuelle schlimmer als Hunde und Schweine“ seien, denn diese wuessten sich zumindest in ihrer Art zu benehmen.

Die Verleihung des Jugendliteraturpreises ist ein gesellschaftliches Ereignis in der Hauptstadt Windhoek. Minister und Botschafter sind anwesend und bei frueheren Verleihungen war der Preis sogar von der Frau des Praesidenten ueberreicht worden. In meiner Dankesrede fuer den Preis fuer mein Buch, das sich thematisch gegen Rassismus aussprach, sagte ich, dass Menschenrechte unteilbar waeren und dass ich als Homosexueller die Bemerkungen des Praesidenten nicht nuer persoenlich als beleidigend emfinde, sondern sie vielfaches Leid zuerst fuer Angehoerige sexueller Minderheiten im suedlichen Afrika verursachen wuerden. Die Dame der Gesellschaft, die mir den Preis uebergeben sollte, weigerte sich danach dies zu tun. Einem Journalisten erklaerte sie, dass sie sich „schliesslich nicht mit Aids von einem Schwulen infizieren“ wolle. Dies war das Klima, in dem Ihr begonnen habt – und das seitdem in weiten Teilen Afrikas, wie zum Beispiel in Uganda und Nigeria, sogar noch schlimmer geworden ist.

Am Abend zuvor hatte ich Euch getroffen – in einem Privathaus hattet Ihr Euch als engagierte Lesben und Schwule des „Rainbow Project“ versammelt und mir von Eurer Arbeit berichtet. Ein Jahr spaeter konnte ich Euch, unterstuetzt von Amnesty International und dem niederlaendischem Aussenministerium, einladen zum Menschenrechte Storytelling Festival bei den Gay Games 1998 in Amsterdam.

Seitdem habe ich immer wieder mit viel Bewunderung verfolgen duerfen, was Ihr beide alles auf die Beine gestellt habt und noch immer in erster Reihe mutig tut:

Schon 1989 (ein Jahr vor der Unabhaengigkeit Namibias) hattest Du, Elizabeth, die feministische Organisation „Sister Namibia“ mit-gegruendet; 1997 wart ihr beide Mitgruenderinnnen des „Rainbow Project“. Spaeter folgte Euer Kampf fuer die offizielle Anerkennung Eurer Beziehung bis zum Obersten Gerichtshof. 2004 die Gruendung des „Women‘s Leadership Centre“ und im selben Jahr die Gruendung in Windhoek der kontinentweiten „Koalition afrikanischer Lesben“ (CAL, Coalition of African Lesbians), zu deren Vorsitzende Du, Liz, 2015 wiedergewaehlt wurdest.

Bevor ich zu diesen Meilensteinen im Kampf fuer die Rechte sexueller Minderheiten in Namibia, Afrika und weltweit gleich noch mehr sage, moechte ich Euch zunaechst einzeln vorstellen:

Elizabeth – geboren 1960 in Karibib, einer eher laendlichen Gegend Namibias, hast Du mit 20 Jahren Dein Abitur bestanden und ab dann vor allem Paedagogik studiert mit verschiedenen Abschluessen sowohl in Namibia als auch in Suedafrika und sogar 1996 in Australien. Du hast anfangs als Lehrerin gearbeitet und wurdest bereits mit 33 Jahren Schulleiterin. Ab 1998 warst Du fuer ein Jahr im Nachbarland Botswana taetig fuer die Organisation zur Entwicklung der Laender im suedlichen Afrikas (SADC) als Expertin fuer Genderfragen.

Als Du 1999 nach Namibia zurueckkamst, warst Du nicht mehr zu bremsen: Du uebernahmst bis 2003 die Leitung von „Sister Namibia“ und der gleichnamigen feministischen Zeitschrift. Und gruendetest dann das bereits erwaehnte „Women’s Leadership Centre“, dessen Direktorin Du seit Anfang 2004, also nunmehr 12 Jahren, bist.

In all den Jahren hast Du immer wieder auch als Schriftstellerin, Poetin und Journalistin gearbeitet, oft gemeinsam mit Liz. Bitte erlaube mir, dass ich heute den Refrain aus meinem Lieblingsgedicht von Dir vortrage:

My love knows no boundaries (2006)

Meine Liebe kennt keine Grenzen

my love knows no boundaries

of being a woman, a man

it flies and soars higher and higher

and goes anywhere, in between

wherever healing is required

meine Liebe kennt keine Grenzen

im Frau- oder Mannsein

sie fliegt und schwebt hoeher und hoeher

ueberall hin, auch dazwischen

wo immer Heilung noetig ist.

Liz – geboren 1950 in Stuttgart, ebenfalls mehrere Jahre Lehrerin nach einem Studium zuerst in Melbourne (Australien) und spaeter in Bremen, Du hast auch in beiden Laendern unterrichtet. Durch Dein Engagement in der Anti-Apartheidsbewegung kamst du ab Ende der 1980er Jahre auch in naeheren Kontakt mit der namibischen Befreiungsorganisation SWAPO und einem Projekt an der Bremer Uni fuer namibische SchuelerInnen im Exil.

Kurz vor der Unabhaengigkeit Namibias im Maerz 1990 zogst Du mit diesem Projekt von Bremen nach Windhoek, um dort als stellvertretende Direktorin des Zentrums fuer angewandte Sozialwissenschaften (CASS, Centre for Applied Social Sciences) an der post-kolonialen Bildungsreform mitzuwirken. Dein Schwerpunkt war Curriculumsentwicklung und die Fortbildung von GrundschullehrerInnen.

Und dort hast Du Elizabeth kennengelernt…auf meine Nachfrage, wie Ihr Euch kennengelernt und verliebt habt, hast Du, Liz, mir folgendes geschrieben (Zitat):

Wir begegneten uns waehrend der vielen Feierlichkeiten im Maerz 1990 als Namibia von Suedafrika unabhaengig wurde – und irgendwann auf einer Fete tanzten wir wild zusammen. Ein paar Wochen spaeter besuchte ich sie und ihren damals 5-jaehrigen Sohn Ricky, und verlor mich in ihren Augen…

Verwirrt zeigte ich Ricky, wie man einen Kopfstand macht, und Elizabeth verliebte sich in meine Beine!“

Nun seid ihr 26 Jahre zusammen, und habt in zahllosen wunderbaren Projekten zusammengearbeitet, von denen mich vor allem jene kuenstlerisch orientierten faszinieren, in denen Ihr Maedchen und Frauen ermutigt, die bislang ueberwiegend zum Schweigen verurteilt waren, eine Stimme zu finden – in Poesie, Malerei, Fotografie oder Musik. So zum Beispiel eure Arbeit mit jungen Frauen der San, einem der aeltesten Voelker der Welt, die bis heute viel Diskriminierung erleiden und die Ihr zu einem neuen Selbstbewusstsein ermutigt. Hier ein Gedicht einer jungen San Frau aus diesem Projekt:

The girls of Omega

They forgot the ways

Of their grandmothers

The girls of the night

Stop drinking!

Stop smoking!

Stop having children as teenagers!

Complete your education

You are someone!”

Durch eure kontinuierliche und mutige Arbeit mit lesbischen Frauen in den verschiedenenen Organisationen, die ihr mitgegruendet und getragen habt, habt ihr viel dazu beigetragen, dass heute ein toleranteres Klima in Namibia herrscht und immer mehr junge Lesben es wagen, ihr Recht auf eine selbstbestimmtes Leben zu verwirklichen. Und dass mehr und mehr afrikanische Lesben heute oeffentlich fuer ihre Rechte eintreten, sowohl bei der Afrikanischen Kommission fuer Menschen- und Voelkerrechte (African Commision on Human and Peoples’ Rights) als auch bei der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen (UN Human Rights Council).

Liebe Liz,

es gaebe soviel mehr ueber Euch zu berichten.

Bitte gruesse Elizabeth, an die wir heute herzlichst denken.

Bitte mache noch oft Kopfstand in Eurem gemeinsamen Leben !

Ich hoffe, dass wir uns bald wiedersehen – Namibia und Suedafrika sind dicht beieinander.

Dass Ihr den Rosa Courage Preis 2016 erhaltet, freut mich unendlich.

Meinen herzlichsten Glueckwunsch !

Dr. Lutz van Dijk, Kapstadt Osnabrueck, am 1. Juni 2016