Laudatio für Rosa von Praunheim (von Wolfgang Theis) (2008)

Preisverleihung Rosa Courage am 23. April 2008 im Friedenssaal des Osnabrücker Rathauses

„Schwule wollen nicht schwul sein. Sie wollen nicht anders sein, sondern so spießig und kitschig leben wie der Durchschnittsbürger. Sie sehnen sich nach einem trauten Heim, in dem sie mit einem ehrlichen und treuen Freund unauffällig ein eheähnliches Verhältnis eingehen können. Der ideale Partner muss sauber, ehrlich und natürlich sein. Ein unverdorbener, frischer Junge, so lieb und verspielt wie ein Schäferhund.“

Sie haben es sicher erkannt, das Zitat stammt aus Rosa von Praunheims Homoschocker aus dem Jahre 1971.

Liebe Rosa von Praunheim, sehr verehrter Herr Oberbürgermeister Boris Pistorius, meine Damen und Herren, liebe Schwule, liebe Lesben, liebe Transsexuelle, liebe transidentische und sonstige Wesen

wir sind heute Abend hier zusammengekommen, um einen Künstler zu ehren, der es versteht, Menschen für sich einzunehmen oder aber sie gegen sich aufzubringen. Schrill, schriller, Praunheim bezeichnet ihn aber nur zu einem geringen Teil, denn neben diesem öffentlichen Skandalon gibt es auch den einfühlsamen Filmer, der das seltene Talent hat, Menschen zum Reden zu bringen, der sie mit sanfter Ironie und mit großem Einfühlungsvermögen dazu verleitet, sehr viel von sich preis zu geben, der Ihnen Geständnisse und Einsichten entlockt wie kaum ein anderer. Und das Schöne dabei ist, dass er sich selbst mit seiner ganzen Person einbringt, sich ebenfalls entblößt, gewissermaßen mit gutem Beispiel vorangeht. Seine Gesprächsführung habe ich immer bewundert, sei es nun in seinem dokumentarischen Werk, das ich besonders schätze, oder aber auch bei Diskussionen, Gesprächen und öffentlichen Auftritten. Schon nach kurzer Zeit hat er sein Publikum gewonnen.

Nicht Dank einer ausgefeilten intellektuellen Strategie, nein bei ihm fließt das aus dem Bauch. Denn Rosa von Praunheim ist Künstler, er argumentiert aus und denkt eben vorsätzlich mit dem Bauch. Und das ist, um es mit den Worten des Bürgermeisters seiner Wahl-Heimatstadt zu sagen, auch gut so. – Obwohl ihn dieser Bauch im Verlauf seiner Karriere oft in arge Bedrängnis brachte.

Allein dieser Name: Rosa von Praunheim! Wer nennt sich Mitte der 1960er Jahre schon so? Holger Mischwitzky stand in seinem Pass, als er zum Kunststudium nach Westberlin aufbrach. Angeblich durfte man als Kunststudent vor Ablauf des Studiums keine Ausstellung machen. Unser Künstler war schon immer ungeduldig. Also plante er mit seinen Pott-Bildern: ermordete Könige, gemeuchelte Könige, Könige unter dem Fallbeil und Könige auf dem Nachttopf, natürlich ganz gegen die künstlerische Mode der Zeit in expressiver Manier gemalt, eine Ausstellung unter Pseudonym. Der Nachname war schnell gefunden, von Praunheim, wegen des hässlichen Frankfurter Stadtteils in dem er seine Jugend zubrachte. Rosa war damals ein besonders altmodischer Frauenname und wurde deshalb für gut befunden. Keineswegs stand Rosa Luxemburg Patin, auch an den rosa Winkel, die Kennzeichnung für Homosexuelle in den Konzentrationslagern des „Dritten Reichs“, dachte schwul damals noch nicht. Später konnte man damit kokettieren.

Rosa von Praunheim! Der Name war bald Programm. An der Kunstakademie galt Holger Mischwitzky als Dilettant. Dem Ruf des genialen Dilettanten, blieb er bis heute treu. Er hasst Regeln, wo immer er sie findet, muss er sie brechen, außer Kraft setzen, sie lächerlich machen. Die Kunstakademie ödete ihn bald an. Durch Zufall geriet er an eine Kamera und drehte seinen ersten Film von Rosa von Praunheim – dabei war alles selbst gemacht: Rosa spielte, sang, wackelte mit der Kamera, hantierte mit asynchronem Ton, besorgte den Schnitt und reiste mit dem fertigen Werk nach Knokke zum Experimentalfilm-Festival. Dort lies er sich öfter als Rosa von Praunheim ans Telfon rufen. Seine markante männliche Erscheinung kontrastierte auf das Wunderbarste zu dem altertümlichen Frauennamen. Kein Wunder – bald war er in aller Munde. Chuzpe war schon immer eine seiner hervorstechendsten Eigenschaften. Damals lernte er auch Werner Schroeter kennen und lieben. Der hatte schon eine eigene Kamera. Man befruchtete sich künstlerisch, drehte auch einen gemeinsamen Film, entfremdete sich aber zunehmend – zu unterschiedlich waren die künstlerischen Temperamente.

Rosa von Praunheims filmische Karriere war nicht zu bremsen. Seine Kurzfilme hatten ihm den Ruf eines Rebellen der Leinwand eingebracht. 1969 heiratet er seine Muse Carla Aulaulu. Die Ehe wird zu Carlas Leidwesen nie vollzogen. Mit dem Ehestandsdarlehen der Stadt Berlin wird der nächste Film produziert, die Ehe 1971 geschieden. Zur gleichen Zeit lernt er auch die Fotografin Elfi Mikesch kennen, die sein frühes Werk beeinflusst und mit der er bis heute zusammenarbeitet. Sie führte über die Jahrzehnte bei vielen seiner Filme die Kamera und ist, trotz eigener Regiekarriere, eine loyale Freundin geblieben, obwohl sie im Gegensatz zu Rosa eine Perfektionistin in der Licht- und Kameraführung ist. Zur Illustrierung der Gegensätze ein kurzes Zitat aus dem „Bestseller einer Diva – Seit Jahren vergriffen“ von Désirée Nick :

Ich will nicht einmal beklagen, dass nach dreißig Jahren im Business bei Rosa noch die Kamera wackelt, er unter „Ausleuchten“ versteht, den Lampenschirm der Stehleuchte seiner Mutter abzumontieren, aufs Sofa zu klettern und einem mit dem Gestell vor der Nase herumzufuchteln, dass er als „beauty-light“ immer noch seine Ikea-Klemmleuchte verwendet und dramaturgisch alles dem Zufall überlassen bleibt – denn schließlich weiß man, worauf man sich einlässt, wenn man einen Film mit ihm dreht. …

Kehren wir zurück zu den Anfängen und zu Rosa von Praunheims größtem Publikumserfolg, den er je im Kino hatte: Die Bettwurst. Eine Liebesgeschichte der schrägsten Art, erlebt von seiner Tante Luzi und Dietmar Kracht, einem Gelegenheitsstricher aus Mannheim. Beide waren auf ihre Art geniale Selbstdarsteller. Dietrich Kuhlbrodt beschreibt das so:

Gedreht hat Praunheim den Film in der Kieler Wohnung seiner Tante. An der Ausstattung brauchte er nichts zu ändern. Auch nichts an den Dialogen, die Luzi und Dietmar vor der Kamera improvisierten. Der Film ist authentisch. Man könnte ihn einen Dokumentarfilm nennen. Und doch ist er ein solcher nicht. Denn allzu ostentativ und kokett-naiv spielen die Darsteller ihre eigenen Rollen. Luzies Blick in die Kamera verderben das Dokument.

Der Verstoß gegen die heilige Regel der Filmaufnahme (Nicht in die Kamera gucken!) verstört und betört den Zuschauer gleichermaßen. Die Direktheit des Augenkontakts ist ästhetisch nicht vermittelbar, etwa als geplante Provokation. Zu offensichtlich ist, dass den Hauptdarstellern dergleichen nicht in den Sinn kommt. Die Kamera ist ihnen lediglich Stimulans, sich zu entfalten. Die Aufnahmetechnik ist ihnen dienlich, nicht uns. Keine Frage, dass sie nicht vorhaben, sich unseren Erwartungen anzupassen. Da sie ihre eigene Rolle spielen, ist ihnen die Rolle, die sie für andere spielen, schnuppe.

Ich hebe diesen Film hervor, weil er die Fernsehgewaltigen auf die Idee brachte, Rosa von Praunheim ein Projekt anzutragen, das ganz auf der Höhe der Zeit lag. Sie wollten gerne einen schönen kitschigen Film über Homosexuelle ins Programm setzen. Praunheims eingereichtes Drehbuch über Clemens und Daniel fand auch ihr Wohlwollen. Wer konnte schon damit rechnen, dass sich Rosa Verstärkung aus der Wissenschaft holte. Martin Dannecker und Raimund Reiche hatten die empirische Studie Der gewöhnliche Homosexuelle über homosexueller Männer in der Bundesrepublik abgeschlossen und einige ihrer Erkenntnisse über die beschissene Lage fanden provokativ Eingang in den Kommentar des Filmes. Dieser Kommentar wurde zudem von einer hysterischen Tunte – Volker Eschke, Rosas Geliebtem – zelebriert. In Verbindung mit dem Kitsch triefenden Entwicklungsroman entstand eine brisante Mischung: der erste Agitpropfilm über Homosexualität.

Im Herbst 1969 war der Paragraph 175 des Sexualstrafrechts liberalisiert worden. Jetzt war einvernehmliche Homosexualität zwischen Erwachsenen über 21. Jahren straffrei. Es gab erste schwule Initiativen: Zeitschriften wurden gegründet und die erste studentische Schwulengruppe entstand in Bielefeld.

Rosa von Praunheim ist einer der seltenen Künstler, denen es gelang, mit einem Werk in die gesellschaftliche Wirklichkeit einzugreifen und sie zu verändern. Während der Berlinale 1971 hatte auf dem Internationalen Forum des Jungen Films sein Spielfilm NICHT DER HOMOSEXUELLE IST PERVERS, SONDERN DIE SITUATION, IN DER ER LEBT Premiere und sorgte für gewaltigen Wirbel. Der Film wurde heftig diskutiert. Vor allem die betroffenen Homosexuellen mochten sich nicht in dem vorgehaltenen Spiegel erkennen. Vorführungen, immer von Diskussionen begleitet, führten in verschiedenen Städten der Bundesrepublik zu Gründungen von studentischen Schwulengruppen. Als der Film nach beträchtlicher Verzögerung erst im Dritten Programm des WDR ausgestrahlt wurde, war das ein fulminates Medienereignis. Ein knappes Jahr nach der Ausstrahlung im WDR, wurde der Film auch in der ARD zu später Stunde gezeigt, begleitet von einer Diskussion, die Fernsehgeschichte schrieb. Der Bayerische Rundfunk verweigerte die Ausstrahlung und zeigte stattdessen Benzin im Blut.

Rosa von Praunheim wurde von den Medien zum Sprachrohr der Schwulen erkoren. Kaum eine Sendung, die sich der Sache der Homosexuellen annahm, wollte auf ihn verzichten. Das blieb so, bis auf den heutigen Tag. Unser Stellvertreter im Äther brauchte dafür ein dickes Fell, denn er konnte und wollte es nicht allen recht machen. Hier kommt das schon erwähnte Bauchgefühl ins Spiel. Rosa vertrat immer die eigene Meinung, lies sich nicht zum Sprachrohr einer Bewegung degradieren. Ohne seinen Humor, den wir noch nicht erwähnt haben, wären die Anfeindungen wohl kaum zu ertragen gewesen. Er hält inne und schreibt das Buch Sex und Karriere, über sich und seine Filme, das anders als andere Filmbücher großes Interesse in der Öffentlichkeit findet. Im Spiegel erscheint am 15. November 1976 eine Besprechung von Werner Schroeter, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte, weil sie aufs Schönste den zeittypischen offenen Umgang mit Homosexuellem belegt:

… Leider werden viele traurige deutsche Bücherwürmer das bunte und oft groteske Werk wie einen Eimer leckerer Scheiße fallenlassen, denn hier mischt sich Gestank mit Blütenduft wie selten einmal: „Ich lasse mich nicht so gut ficken. Dabei verkrampfe ich mich so sehr und bekomme Hämorrhoiden, im Moment habe ich eine lange dicke Hämorrhoide außen am Arschloch hängen. Das tut nicht weh, manchmal spiele ich daran. Bis jetzt hat sich noch nie jemand beschwert.“ Wer den Autor gut kennt, weiß, dass er ihm Glauben schenken darf.

In Amerika ist alles besser- jedenfalls größer, anarchischer, kreativer – Schwul kämpft ums Überleben. Eine amerikanische Tunte hat keine staatlich verordnete Krankenversicherung. Die amerikanische Schwulenbewegung war für unseren Preisträger immer ein Vorbild. Die heimische Bewegung wurde im Vergleich mit dem großen Vorbild als zu mickrig empfunden. Schon seine Dokumentation Armee der Liebenden über die Vielfalt der amerikanischen Subkultur sollte die angeblich „bürokratisch verkrusteten“ deutschen Bewegungsschwulen wachrütteln. Die waren aber längst in sich zerstritten und auf dem Weg zur Spezialisierung. Rosa von Praunheims filmisches Oeuvre begleitete den langen Prozess der gesellschaftlichen Emanzipation der Homosexuellen. Drei seiner Filme thematisieren die Aids-Krise. Er erlebt in den USA das große Sterben in der Schwulenszene und ist verzweifelt. Er kämpft für Safer Sex. Er misstraut den Schwulen, die nicht auf ihre sexuellen Freiheiten verzichten wollen. Er hat keine Angst vor staatlichen Zwängen, sonder eher vor Schwulen, die Verantwortung für sich und andere ablehnen. Er kritisiert die Aids-Hilfen als bürokratisch, beschimpft die Sexualforscher als verantwortungslos. Er schreibt darüber im Spiegel, der bei Schwulen im Verdacht steht, die mühsam errungenen Freiheiten mit seiner tendenziösen Berichtserstattung beschneiden zu wollen. Die Community ist empört! Einige gehen soweit, ihm den Künstlernamen abzuerkennen. Rosa von Praunheim soll sich wieder Holger Mischwitzki nennen. Dabei kennt er selbst seine Widersprüche: In seinem Tagebuch vom 26. Juni 1982 hält er fest:

Ich konnte es nicht fassen: nach vielen Jahren war es zum ersten Mal, dass ein kondomloser Schwanz in mir steckt. Ein wunderbares Gefühl, aber es machte mir unendlich Angst. Was ist los mit mir? Ich, der Aids-Aufklärer der Nation, lasse mich ohne Kondom ficken.

Martin Dannecker, der ehemalige Kampfgenosse, hat es in seiner Grußbotschaft zu Rosas 65. Geburtstag auf den Punkt gebracht:

Ich glaube Rosa denkt mit dem Gefühl. Seine Wahrheit des Gefühls hat da, wo sie die schlechten gesellschaftlichen Verhältnisse erahnte, zu den schönsten Resultaten geführt. Aber sie hat ihn mitunter, wie auf dem Höhepunkt der AIDS-Krise, auch um den Verstand gebracht. Die Kälte der Theorie ist ihm fremd, ja er hegt ihr gegenüber ein tiefes Misstrauen.

Das Bauchgefühl war ihm nicht immer ein guter Ratgeber. Verzweiflung über den Tod von Freunden, das Gefühl der Ohnmacht gegen den Virus, die Gesellschaft, die Medien brachten ihn zu einer folgenschweren Entscheidung. Er beschloss im Fernsehen Namen zu nennen. Namen von schwulen Prominenten, die sich nicht zu ihrer Homosexualität bekennen, die keine Vorbilder sein wollen in Zeiten der Bedrohung. Praunheims Outing stieß in der Öffentlichkeit und bei den Schwulen auf vehemente Ablehnung. Er befürchtete das Schlimmste, das Ende seiner Fernsehkarriere und damit auch sein Ende als Filmemacher. Zum Glück für uns alle hat sich diese Befürchtung nicht erfüllt. Er macht weiter. Vor seinen indiskreten Fragen über Intimes ist auch heute niemand sicher.

Trotz all dieser Aktivitäten entstand ein umfangreiches filmisches Werk. Neben den bereits beschriebenen Themen geht es um Transsexuelle, Obdachlose und immer wieder um Frauen. Vor allem ältere Semester haben es Rosa von Praunheim angetan. Lotti Huber, Evelyn Künnecke, Helga Götze, seine Tante Luzy – ihnen hat er wunderbarer Dokumentationen und Spielfilme gewidmet. Bisher sind über 70 Filme entstanden. Eine gewaltige Leistung. Hinter jedem kreativen Mann steht seine bessere Hälfte. Im Fall von Praunheim heißt diese Hälfte Mike Shephard. Er kümmert sich um den Ton, schneidet Praunheims Filme, hält Händchen, wenn es nötig ist und das schon seit dreißig Jahren.

Neugier war schon immer eine Stärke des Regisseurs Praunheim. Mit großer Konsequenz hat er sich einer eingängigen Dramaturgie oder auch den üblichen vermeintlichen Anforderungen des Mediums verweigert. Seine Filme blieben schrill und unangepasst. Bisweilen überraschte er die Kritiker mit genau beobachteten Dokumentationen um die so entstandenen Erwartungen dann mit dem nächsten Film wieder zu düpieren. Nicht immer sind sich alle einig, bei der Bewertung seiner Filme. Der Einstein des Sex, ein Film über das Leben des Schwulenpioniers und Sexualforschers Magnus Hirschfeld galt der heterosexuellen Filmkritik als misslungen, er sei nur schwuler Schulfunk. Aber haben wir überhaupt so etwas?

Keiner hat wie Rosa von Praunheim so emsig und ausdauernd schwules Leben und schwule Themen auf die Leinwand gebracht. Wir sollten dankbar sein!

Wir sind dankbar!

Liebe Rosa von Praunheim, den rosa Courage Preis hast du Dir redlich verdient.

Herzlichen Glückwunsch!

Kleiner Nachtrag: Heute Abend ist Dein persönlichster Film Meine Mütter zu sehen, den ich sehr liebe – zeigt er doch einen unbekannten Praunheim. Über die Beziehung zu unseren Müttern wäre ja noch viel zu sagen …